Manita Shrestha - ein Leben für Judo

26.06.2024

Als kleines Kind saß Manita Pradhan Shrestha im Gefängnis. Ihr Vater war inhaftiert worden und es gab keine Verwandten, die für das Mädchen sorgen wollten. In Nepal bedeutet dies, dass Kinder mit eingesperrt werden. Doch Manita hatte Glück. Mitarbeitende der Prisoners' Assistance Mission (PAM) holten sie mit dem Einverständnis ihres Vaters in das Kinderheim der Organisation in Kathmandu.

Für das junge Mädchen war es zunächst nicht leicht, mit anderen Kindern zusammenzuziehen und sich den täglichen Vorurteilen von Mitschüler*innen, Lehrenden und Nachbar*innen zu stellen. Gemeinsam mit den 32 weiteren Heimkindern besuchte sie die lokale Gemeindeschule. Die PAM-Kinder waren stigmatisiert. Sie waren geprägt von Gewalterfahrungen in den Familien und im Gefängnis. So ging es im Zusammenleben im Heim auch nicht immer einfach zu.

Vor diesem Hintergrund überlegten die Leiter des Pam Nestling Homes zusammen mit der GLS Zukunftsstiftung Entwicklung, was zu machen wäre. Eine Idee wurde geboren: Judo-Training. Judo als ein Sport, der Respekt, Disziplin mit Austoben und Körperlichkeit verbindet. Ein Sport, in dem es nicht um die direkte Konfrontation, sondern das Leiten von Kräften geht.

Surya Shrestha, ein ausgezeichneter Judo-Trainer und ehemaliges Mitglied der nepalesischen königlichen Armee, erklärte sich bereit, den PAM-Kindern Judo beizubringen. Das Training startete 2009.

Die PAM-Kinder und Surya Shrestha merkten recht schnell, welche Möglichkeiten im Judo lagen. Das Training gab den Kindern Kraft, Ruhe und Stärke. Sie begannen, lokale und nationale Wettkämpfe zu gewinnen. Mit den Wettkämpfen stieg die Achtung bei Nachbar*innen, Lehrenden und Mitschüler*innen. Manita und auch die anderen Kinder lernten, dass sie erfolgreich sein können, dass sie sich Respekt und Anerkennung verdienen können. Sie entwickelten Selbstvertrauen. Aus den stigmatisierten Kindern wurden geachtete Mitmenschen.

Mehr zu PAM

Ziel von PAM ist, Kindern von Strafgefangenen ein Zuhause zu geben und ihnen Grundlagen zu vermitteln, damit sie in einer durch das Kastensystem geprägten Gesellschaft einen eigenständigen Weg gehen können.
Durch die erfolgreiche Einrichtung eines Judo-Programms im Jahr 2008 wurde den Kindern und Jugendlichen von PAM die Möglichkeit gegeben, Teilhabe und Anerkennung zu erfahren. Der Erfolg dieser Initiative hat sich durch die soziale Integration in der Schule und in der Nachbarschaft, durch die Öffnung von beruflichen Perspektiven, auch bei Polizeibehörden und durch zahlreiche Preise und Medaillen in nationalen wie internationalen Judo-Meisterschaften gezeigt.
Zurzeit leben 28 Kinder im Kinderheim Nestling Home; betreut werden sie von vier Erwachsenen. Die Kooperation mit der Zukunftsstiftung Entwicklung begann 2002 mit einer Unterstützung für den Bau des Heimes.

Die nepalesische Schriftstellerin und Aktivistin Bishnu Kumari Waiba (Künstlername Parijat) setzte sich für das Leben der Kinder von Strafgefangenen ein. 1991 gründete sie dafür Prisoners‘ Assistance Mission (PAM), um Kindern von Inhaftierten zu helfen. 2002 baute PAM ein Heim in Nepals Hauptstadt Kathmandu, um ihnen ein familiäres Zuhause zu ermöglichen. 2004 übernahm Dr. Narayan Kaji Shrestha als ehrenamtlicher Leiter die Organisation. Mit viel Hingabe, Geduld und der Überzeugung, dass alle Menschen Erfolg und Selbstbewusstsein erreichen können, wenn sie Anerkennung erleben und ihre Talente entfalten dürfen, begleitet er die Kinder und Jugendlichen des Heimes.

Manita Shrestha

Manita nahm das Training sehr ernst. Sie richtete ihre gesamte Freizeit darauf aus, Judo zu trainieren oder Krafttraining zu machen. 2010 gewann sie ihre ersten Wettbewerbe. Sie machte weiter – von lokalen über regionale und nationale bis hin zu internationalen Wettkämpfen. 2017 gewann sie die Asian Championships für Nepal. Das war der erste Sieg Nepals nach 29 Jahren. Im gleichen Jahr wurde sie vom Nepalesischen Judoverband zur Judoka des Jahres gewählt. 2019 trat sie in die Polizei von Kathmandu ein, was ihr verbesserte Trainingsmöglichkeiten bescherte. Ihr Traum: Nepal bei den Olympischen Spielen zu vertreten. Sie begann für die Sommerspiele in Japan zu trainieren, verpasste die Qualifikation jedoch um wenige Punkte. Trotzdem gab sie nicht auf. Sie trainierte weiter und gewann ein Trainingsstipendium.

Ihre Bemühungen zahlten sich aus: Am 25. Juni 2024, erhielt sie die 25-Jährige die Nachricht ihrer Qualifikation für die Olympischen Spiele in Paris! Manita Pradhan Shrestha wird Nepal im Juli 2024 in Paris vertreten. Alle Mitarbeitenden von PAM und der GLS Zukunftsstiftung Entwicklung sind unendlich Stolz auf sie!

Viel Glück, Manita!

Judo eröffnet Räume