Indien: Vermarktung von Webkunst
22.05.2026
Wie die Frauen von Awang Wabagai in Manipur durch von Ekta Parishad unterstützte Kooperativen traditionelles Wissen lebendig halten, nachhaltig Einkommen sichern und gemeinsam Krisen meistern.
Das kleine Dorf Awang Wabagai im Distrikt Imphal West des indischen Bundesstaats Manipur hat 44 Haushalte – und fast genauso viele Webstühle für die Handwebkunst Phisa Kon. Für die Menschen hier ist die viele Generationen alte Kunst des Webens Teil ihrer Identität. Doch die Frauen des Dorfs übten sie jede für sich aus. So fehlte der Austausch untereinander. Der Kauf von Garn und die Vermarktung auf eigene Faust kosteten zudem viel Zeit und Geld.
Das änderte sich, als die Frauen auf unsere Partnerorganisation Ekta Parishad trafen. Als größte Volksbewegung Indiens setzt Ekta Parishad auf die Kraft der Gemeinschaft und fördert insbesondere die Selbstorganisation und Selbsthilfe ihrer Mitglieder in Kooperativen.
2022 gründeten auch 25 Frauen von Awang Wabagai mit Unterstützung von Ekta Parishad ihre Weberinnen-Kooperative. Ihr Name: Sanarei (Ringelblume). Ziel der Kooperative ist, traditionelle Webtechniken wiederzubeleben, Wissen an jüngere Generationen weiterzugeben und stabile Einkommen durch Vermarktung zu erzielen.
Mit gemeinsamer Kraft aus der Krise
Zwischen 2023 und 2025 erschütterten ethnische Konflikte die Region. Die Kooperative stellte die Arbeit ein. Doch 2025 nahm Sanarei mit zehn engagierten Mitgliedern die Arbeit wieder auf. Ekta Parishad stellte Garn, natürliche Farbstoffe und weitere Rohstoffe zur Verfügung. Nach acht Monaten kehrte das Klappern der Webstühle ins Dorf zurück, und die Frauen füllten die Lager wieder mit feinen Mekhla-Chadar-Saris, weichen Schals und warmen Stolen.
Der regionale Markt war bisher ihr Verkaufsort. Während der Unruhen war er geschlossen. Khundongbam Rojia Devi, 42 Jahre alt, seit 28 Jahren Weberin und Gründungsmitglied der Kooperative, suchte mit den weiteren Frauen nach Alternativen. Die regionalen Märkte fanden unregelmäßig statt und boten keine Plattform für die hohe Qualität ihrer Produkte. Die Frauen suchten Rat bei Ekta Parishad.
Outlet-Center soll Kooperativen die Vermarktung erleichtern
Ramesh Sharma, Nationalkoordinator der Organisation, bestätigte ihnen, dass die anderen Kooperativen von Ekta Parishad vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Er stellte den Frauen eine Idee vor: die Einrichtung eines Outlet-Centers in Bhopal. Die Stadt ist für alle 15 Kooperativen des Netzwerks gut erreichbar. Die Saris und Schals aus Awang Wabagai könnten so neben traditionellen Stoffen aus Dhubir und Tinsukia, duftenden Gewürzen aus Rampur, hochwertigem Speiseöl aus Tilda und Honig aus Chambal präsentiert werden.
In dem Outlet-Zentrum sollen die Kooperativen auch Erfahrungen austauschen. Zudem soll das Zentrum Menschen anderer Regionen inspirieren und Kooperativen mit ihrer partizipatorischen Organisationsform als Instrument für ländliche Entwicklung vorstellen. Denn Kooperativen verbinden Produzent*innen, bewahren traditionelles Wissen und schaffen Gemeinschaft, Widerstandsfähigkeit und nachhaltige Lebensgrundlagen.
Der Aufbau des Outlet-Centers kostet 4.700 Euro, Schulungen und Materialien für den Aufbau vier neuer Kooperativen 21.500 Euro. Für die Weiterentwicklung von Kompetenzen und Marketing-Schulungen für neun bestehende Kooperativen fallen 29.000 Euro an. Pro beteiligter Frau sind dies einmalig rund 170 Euro.
Ekta Parishad bedeutet "Solidarischer Bund" und ist eine der größten Volksbewegungen für Landrechte in Indien, die sich seit ihrer Gründung 1989 auf die Prinzipien der Gewaltlosigkeit von Gandhi bezieht. Sie setzt auf Dialog und konstruktive Wege zum Aufbau einer friedlichen und gerechten Gesellschaft.
Aktuell hat Ekta Parishad 250.000 aktive Mitglieder und arbeitet in 12.000 Dörfern und 14 Bundesstaaten Indiens.
Die wichtigsten Erfolge der Organisation sind die Sicherung von Landrechten für fast 500.000 Familien, der Schutz von Wäldern und Gewässern und die Ausarbeitung mehrerer Gesetze im Zusammenhang mit Landreformen in Indien. Für das Ziel nachhaltiger sozialer, ökonomischer und ökologischer Einkommensperspektiven der ländlichen Bevölkerung sieht Ekta Parishad den Aufbau von Kooperativen als entscheidend an.
Die GLS Zukunftsstiftung Entwicklung kooperiert mit Ekta Parishad seit 2017.
Der Gründer von Ekta Parishad, Rajagopal Puthan Veetil, auch als Raja Ji bekannt, ist ein überzeugte Gandhianer, der sein Leben seit mehr als 50 Jahren dem gewaltfreien Aktivismus widmet. Er leitete mehrere Fußmärsche in verschiedenen Bundesstaaten Indiens, die zur Landverteilung an Tausende von Land- und Obdachlosen führten. Raja Ji war Mentor tausender Aktivist*innen in Indien und inspiriert bis heute unzählige Menschen weltweit.