Ein erfülltes Leben

15.12.2023

Ende 2006 kam ein kleiner, verschmierter Zettel auf meinen Schreibtisch: „Alles, was ich habe, zu Nelly und Libia“. Es waren die Abschiedsworte von Werner Höing, der seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Seine Schwester, Claudia Höing, ihre Schwester und ihre Eltern wollten dem Wunsch des Bruders und Sohnes folgen. Doch sie hatten keinen Kontakt zu Peru und waren des Spanischen nicht mächtig. Bevor sie bei uns, also der GLS Zukunftsstiftung Entwicklung, landeten, hatten sie bereits etliche Organisationen abgeklappert. Es war ihnen wichtig, dem Bruder und Sohn diesen letzten Wunsch zu erfüllen.

Werner Höing hatte jahrelang Spenden im Freundes- und Schüler*innenkreis gesammelt. Diese Spenden finanzierten die ehrenamtliche Gesundheitsversorgungsarbeit von zwei pensionierten Lehrerinnen in Huaraz, dem Hochland von Peru. Die beiden Lehrerinnen und Schwestern, Nelly und Libia Espinoza, organisierten für mittellose Menschen und Menschen mit Behinderung oder chronischen Krankheiten den Zugang zu Gesundheitsversorgung, Operationen, Hilfsmitteln.

Es war sehr schnell klar, dass das Engagement der beiden Damen ehrenamtlich war und keinen formalen Rahmen hatte. Auch war es unmöglich, von hier aus diese Arbeit einzuschätzen. Deshalb kamen Claudia und ich überein, dass nur der Besuch vor Ort Orientierung bieten konnte, inwiefern die Umsetzung des letzten Willens aussichtsreich sein würde. So lud ich Claudia 2007 ein, mich auf der ohnehin anstehenden Projektreise nach Peru zu begleiten. Gemeinsam lernten wir Nelly und Libia Espinoza kennen und schätzen. Die beiden schon damals pensionierten Lehrerinnen setzten sich unermüdlich ein. Es war ihr Lebensinhalt, Patient*innen zu begleiten und zu unterstützen. Sie bauten auf ein großes Netzwerk an Ärztinnen und Ärzten, Krankenhausverwaltungen und ehrenamtliche Kräfte, die sie ohne Unterlass für ihre Schützlinge mobilisierten.

Huaraz liegt auf über 3.000 Metern Höhe, weit entfernt von der Hauptstadt Lima. Manche Operationen konnten nur in Lima durchgeführt, Hilfsmittel und Medikamente nur dort besorgt werden. Aber auch dafür hatten sie Vorsorge getroffen, durch eine Wohnung in Lima, die als Stützpunkt genutzt wurde.

Nach unserem ersten Besuch, bei dem Claudia von einer Freundin von Werner Höing, Victoria Passarge-Rotthaus, begleitet wurde, nahm das weitere Vorgehen Gestalt an. In Huaraz gründeten die Damen die Asociación Werner Höing als gemeinnützigen Verein und verstärkten das Kernteam um zwei weitere Damen, Zarela, von Beruf Juristin, und Dariela, eine Sozialarbeiterin. Hier in Deutschland übertrug die Familie den gesamten Nachlass von Werner Höing in einen Stiftungsfonds bei der GLS Zukunftsstiftung Entwicklung namens Werner Höing Peruhilfe. Claudia begann eifrig Spanisch zu lernen. Die Arbeit nahm klarere Formen an.

17 Jahre lang ermöglichte die Förderung aus dem Nachlass von Werner Höing die Gesundheitsversorgung für jährlich zwischen 50 bis 65 Personen. Dazu kam die Ausbildungsförderung einiger junger Menschen mit Behinderung.

Libia (in Pink) und Nelly (in weißem Pullover und schwarzem Jacket) mit einem Foto von Werner Höing und Patient*innen 2008

2016 erhielt Claudia gemeinsam mit Nelly und Libia die Ehrennadel der Stadt Huaraz für diese wirksame, direkte Hilfe.

Etwa alle zwei Jahre reisten wir gemeinsam nach Peru. Nach und nach lernte Claudia auch unsere anderen Projektpartner in Peru kennen und sehr schätzen. Wir kraxelten bis auf 5.000 Metern Höhe, wanderten von Dorf zu Dorf, übernachteten in eiskalten Berghütten, ritten auf Eseln und Mulis, aßen mit größerer oder geringerer Begeisterung Meerschweinchen, ließen uns von sehr harten Lebensbedingungen berühren und feierten die kleinen und großen Erfolge.

Es war eine sehr schöne, manchmal harte gemeinsame Zeit, in der ich ihre Ruhe, Klarheit und Zugewandtheit zu den Menschen überaus schätzen lernte, ihr Lachen, ihre Freude an der Weite der Landschaft, den Pflanzen, den Menschen.

Libia (links), Claudia und Nelly 2018

Auf einer Reise durch das peruanische Amazonasgebiet erfreute sie sich an den riesigen Bäumen, den Schildkröten und dem gemeinsamen Planschen in Weihern – der einzigen Möglichkeit, sich zu waschen.

Claudia lud Libia und Nelly zweimal nach Deutschland ein, um ihnen auch die Heimat von Werner Höing zu zeigen.

2018 sind wir das letzte Mal zusammen gereist. Danach wollte Claudia aus familiären Gründen nicht mehr lange von Zuhause fern sein.

2023, in diesem Jahr haben wir die letzte Überweisung nach Huaraz getätigt. Der Fonds Werner Höing ist ausgeschöpft. Das traf damit zusammen, dass Nelly und Libia, alters- und krankheitsbedingt ihren wirklich wohlverdienten Ruhestand antraten.

Als ich Claudia das letzte Mal bei sich zu Hause traf, stand sie an einem kühlen, doch sonnigen Nachmittag weißhaarig in ihrem wunderschönen kleinen Garten voller Blumen und begrüßte mich mit einem warmen Lächeln. Sie fühlte sich getragen von ihren Lieben, geliebt und geschätzt und sagte, sie habe ein gutes Leben gehabt, ein erfülltes Leben. Aber sie sagte auch, dass sie Lust auf mehr hätte. Doch ihr Körper konnte das nicht. Ihre Krankheit ließ sie nicht älter werden. Sie war erst 63 Jahre alt. Und sie war traurig darüber, dass ihre einzige Perspektive der Tod war.

Danke, Claudia, für die gemeinsame Zeit, Deine Kraft, Dein Strahlen!

Annette Massmann, 15.12.2023

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