Mit Wasserreservoirs dem Klimawandel trotzen

Alles begann mit einer Versammlung von 16 Menschen im Innenhof eines Lehmhauses in Pencapampa, einem auf ca. 3.000 Metern in der nordperuanischen Region Cajamarca gelegenen Dorf mit ca. 150 Einwohner*innen. Nach drei Jahren Training und infrastrukturellen Verbesserungen sind die Menschen mittlerweile ernährungssouverän und ernährungssicher.

Die Menschen waren einer Einladung des Lehrers der kleinen Dorfgrundschule, Flavio Centeno, gefolgt. Er hatte die Mitarbeiter-*innen unserer Partnerorganisation ACICA eingeladen, über organischen Landbau und eine mögliche Zusammenarbeit zu reden. Wenn Victor Acosta Sánchez, der Direktor von ACICA, die Teilnehmer*innen der Versammlung nach ihrem wichtigsten Problem befragte, so lautete die Antwort stets: „Uns fehlt Wasser“.

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Víctor Acosta Sánchez, Direktor der Asociación Civil Caminando (ACICA), besuchte dank der Unterstützung und Ermutigung eines deutschen Priesters eine Grundschule im Dorf Licliconga, die er über lange Fußwege in den Hochanden erreichte. Seinen ersten Uni-Abschluss erreichte er an der Nationalen Universität von Cajamarca, fügte später einen Master in Entwicklungspolitik und –planung hinzu und promovierte schließlich im Bereich Umweltmanagement. Zudem war er Führer  einer der “Rondas Campesinas”, selbstständige Bauernorganisationen im ländlichen Peru, die ursprünglich als Selbstverteidigung gegen Diebstahl, insbesondere von Rindern, konzipiert waren. 2008 lernte er Dr. Annette Massmann von der Zukunftsstiftung Entwicklung kennen. Zusammen besuchten sie verschiedene Gemeinden in der Provinz San Marcos. Nach diesen Besuchen gründete Víctor Acosta Sánchez 2009 zusammen mit anderen Bauernführern ACICA. Er ist stolz darauf, mit ACICA und lokalen Bäuer*innen in ländlichen Gemeinden zusammenzuarbeiten, vor allem wegen ihrer ambitionierten Ziele: dem Schutz von Land, Wasser, Flora, Fauna und Luft.

Die Asociación Civil Caminando – ACICA ist eine gemeinnützige Organisation, die seit 2009 in der Stadt San Marcos in der Region Cajamarca tätig ist. Sie engagiert sich mit nachhaltigen Landwirtschafts- und Gemeindeentwicklungsprojekten in den Bergbauerndörfern rund um San Marcos. Abholzung und veränderte Niederschlagsmuster vermindern die Fruchtbarkeit der Böden und die landwirtschaftlichen Erträge sinken stetig. ACICA verbindet traditionelles Wissen mit modernen Methoden des organischen Landbaus, um diese weit abgelegenen, teilweise nur mit Pferd oder Muli zu erreichenden Gemeinden verbesserte Anbautechniken zu vermitteln. Der Lehrplan von ACICA ist auf diese Lebensbedingungen abgestimmt: Kombiniert wird der Aufbau kleiner Staubecken, um Wasser zu sammeln, mit organischem Landbautraining, Wiederaufforstung und Verbesserung der Kleintierzucht, insbesondere von Meerschweinchen. ACICA wird bisher von einem Team von acht Voll- und Teilzeitkräften sowie Honorarkräften betrieben. Sechs der Mitarbeiter haben eine Ausbildung und/oder langjährige Erfahrung in nachhaltiger Landwirtschaft, eine Mitarbeiterin ist in Buchhaltung und Finanzmanagement qualifiziert. Der Großteil der Mitarbeiter*innen kommt aus der Region. Durch Training, Investitionen und Umsetzungsbegleitung unterstützt ACICA zurzeit zwölf marginalisierte Gemeinden, in denen etwa 4.100 Menschen leben.

Voller Stolz präsentiert diese Frau das fertig gestellte Wasserreservoir für ihre und benachbarte Familien.

Klimawandel und Verlust lokalen Wissens 
Ursachen für den Wassermangel liegen einerseits am Klimawandel, der sich im Andenhochland etwa durch unregelmäßigere und teilweise weniger ergiebige Regenperioden, durch steigende Durchschnittstemperaturen, versiegende Quellen und zunehmende Bodenerosion bemerkbar macht. Andererseits ging im Laufe der Generationen viel Wissen rund um die Themen Bewässerung, Anbau und Viehzucht verloren. „Früher wurden in den Dörfern Erfahrungen und Kenntnisse von den Eltern an die Kinder weitergegeben“, erklärt Victor Acosta Sánchez. „Zudem gab es in jedem Dorf einen Yachachiq, einen gebildeten Ältesten, der traditionelles Wissen an junge Bäuer*innen weitergab. Dieser Tradition wurde bis in die 1950er Jahre gefolgt. Dann hat das stetig abgenommen.“

Gemeinsam aktiv werden
Auf diese erste Versammlung sollten viele weitere folgen. Die Teilnehmer*innen verpflichteten sich zur regelmäßigen Teilnahme an Feldschulungen und zum Erbringen von eigenen Beiträgen in Form von Materialien und Arbeitskraft. Im Laufe eines Jahres wurden - mithilfe der Förderung durch die GLS Zukunftsstiftung Entwicklung - 14 Wasserreservoirs in traditionellen Gemeinschaftsarbeiten (Mingas) gebaut. Für den Bau eines Wasserreservoirs muss an einer kleinen Quelle, die höher liegt als die zu bestellenden Felder, ein rund 15m³ großes Loch gegraben werden. Dieses wird mit einer robusten, wasserdichten Plane ausgekleidet. Wenn das Reservoir gefüllt ist, kann ein 2.000 Quadratmeter großes Feld bewässert werden.

Reiche Ernten sichern das Auskommen
Zu Beginn waren die Bäuer*innen verhalten bis skeptisch. Doch durch koordinierte Selbstorganisation, gegenseitige Unterstützung und fachkundige Begleitung des ACICA-Teams sind ihre Felder dank des gespeicherten Wassers gut bestellt - und dies auch in Perioden, in denen der Regen ausbleibt. Erstmalig haben die Familien ertragreiche Ernten während des ganzen Jahres. Damit können die Bauern und Bäuerinnen die Ernährung ihrer Familien sichern und sind darüber hinaus noch in der Lage, über den Verkauf ihrer Produkte das Familieneinkommen zu erhöhen. So bremsen sie zugleich die Abwanderung aus dem Dorf mit nachhaltender Wirkung.

Dieses Beispiel machte von sich reden. „Viele Bauern und Bäuerinnen aus den umliegenden Dörfern klopften an unsere Türen im ACICA-Büro in San Marcos und fragten, ob wir auch bei ihnen Schulungen in organischem Landbau durchführen und an die lokalen Bedingungen angepasste Bewässerungstechniken einführen könnten“, erzählt Victor Acosta Sánchez.

Die Zusammenarbeit lohnt sich
In Abstimmung mit der GLS Zukunftsstiftung Entwicklung folgte ein Dialog mit Berggemeinden, die von Armut, Wassermangel, Ernährungsunsicherheit und Abwanderung besonders stark betroffen waren. Das ACICA-Team erläuterte seine Arbeitsweise und seine Prinzipien der Zusammenarbeit. So etwa, dass jedwede Form von Unterstützung nicht einfach verteilt werde, sondern die Bewohner*innen sich organisieren, an den vierzehntägig stattfindenden Feldschulungen in organischem Landbau teilnehmen und zu allen geplanten Investitionen und Arbeiten selbst etwas beitragen müssen.

In zwölf weiteren Gemeinden wollen die Bergbauern und -bäuerinnen Wasserinfrastruktur aufbauen und den organischen Landbau erlernen. Davon profitieren direkt 1.308 Menschen. Wenn die GLS Zukunftsstiftung Entwicklung 25% aus Spendenmitteln finanziert, fördert das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung 75% der in den kommenden vier Jahren (2022-2025) benötigten Mitteln.

Für den Aufbau von Wasserinfrastruktur sind insgesamt 288.479 Euro notwendig. D.h., aus Spendenmitteln werden pro Jahr 18.029, 93 Euro notwendig. Die Kosten für Feldschulungen und Lernaustausch betragen 23.360,35 Euro, d.h., 17,85 Euro pro Person.