Ein Modell macht Schule

In den Hochanden von Cajamarca haben 540 Familien in zwölf Gemeinden mithilfe von Bewässerung, landwirtschaftlicher Beratung und organischem Dünger Ernährungssicherheit erreicht. Im nächsten Schritt möchten sie ihre Produkte gemeinsam vermarkten. Auch Nachbargemeinden zeigen Interesse an diesem Erfolgsmodell.

Fany Crespín Alarcón, Bergbäuerin aus der Gemeinde Pencapampa, schickt ein Video in unser Bochumer Büro. Sie schwenkt mit ihrer Handykamera über den Garten ihrer Familie. Wir sehen saftig grüne Luzerne, mannshohe Avocadobäumchen und glühend rote Rocoto-Baumchili-Schoten, die im Überfluss in Griffweite hängen. Im Hintergrund sehen und hören wir den Wassersprenger, der gerade einen Teil des Luzernenfeldes bewässert.

Mehr über ACICA

Víctor Acosta Sánchez, Direktor der Asociación Civil Caminando (ACICA), besuchte dank der Unterstützung und Ermutigung eines deutschen Priesters eine Grundschule im Dorf Licliconga, die er über lange Fußwege in den Hochanden erreichte. Seinen ersten Uni-Abschluss erreichte er an der Nationalen Universität von Cajamarca, fügte später einen Master in Entwicklungspolitik und –planung hinzu und promovierte schließlich im Bereich Umweltmanagement. Zudem war er Führer  einer der “Rondas Campesinas”, selbstständige Bauernorganisationen im ländlichen Peru, die ursprünglich als Selbstverteidigung gegen Diebstahl, insbesondere von Rindern, konzipiert waren. 2008 lernte er Dr. Annette Massmann von der Zukunftsstiftung Entwicklung kennen. Zusammen besuchten sie verschiedene Gemeinden in der Provinz San Marcos. Nach diesen Besuchen gründete Víctor Acosta Sánchez 2009 zusammen mit anderen Bauernführern ACICA. Er ist stolz darauf, mit ACICA und lokalen Bäuer*innen in ländlichen Gemeinden zusammenzuarbeiten, vor allem wegen ihrer ambitionierten Ziele: dem Schutz von Land, Wasser, Flora, Fauna und Luft.

Die Asociación Civil Caminando – ACICA ist eine gemeinnützige Organisation, die seit 2009 in der Stadt San Marcos in der Region Cajamarca tätig ist. Sie engagiert sich mit nachhaltigen Landwirtschafts- und Gemeindeentwicklungsprojekten in den Bergbauerndörfern rund um San Marcos. Abholzung und veränderte Niederschlagsmuster vermindern die Fruchtbarkeit der Böden und die landwirtschaftlichen Erträge sinken stetig. ACICA verbindet traditionelles Wissen mit modernen Methoden des organischen Landbaus, um diese weit abgelegenen, teilweise nur mit Pferd oder Muli zu erreichenden Gemeinden verbesserte Anbautechniken zu vermitteln. Der Lehrplan von ACICA ist auf diese Lebensbedingungen abgestimmt: Kombiniert wird der Aufbau kleiner Staubecken, um Wasser zu sammeln, mit organischem Landbautraining, Wiederaufforstung und Verbesserung der Kleintierzucht, insbesondere von Meerschweinchen. ACICA wird bisher von einem Team von acht Voll- und Teilzeitkräften sowie Honorarkräften betrieben. Sechs der Mitarbeiter haben eine Ausbildung und/oder langjährige Erfahrung in nachhaltiger Landwirtschaft, eine Mitarbeiterin ist in Buchhaltung und Finanzmanagement qualifiziert. Der Großteil der Mitarbeiter*innen kommt aus der Region. Durch Training, Investitionen und Umsetzungsbegleitung unterstützt ACICA zurzeit zwölf marginalisierte Gemeinden, in denen etwa 4.100 Menschen leben.

Gelernt wird auf dem Feld: Alle Bäuer*innen einer Gruppe kommen zu den Schulungen zusammen.

Selbst von der Schönheit und Fruchtbarkeit ihres Gartens ergriffen, bedankt sich Fany Crespín Alarcón bei unserer Partnerorganisation ACICA und der Unterstützung aus Deutschland: „Früher ist das alles nicht gewachsen, weil es kein Wasser gab. Es ist ein Wunder. Jetzt haben wir ein großes Wasserbecken. Wir haben Kleegras, um unsere Meerschweinchen zu füttern. Neben der Meerschweinchenzucht bauen wir Früchte wie Avocados und Chilis an. Die Ernte ist für den eigenen Verzehr, es gibt Futter für die Tiere und es reicht sogar, um Meerschweinchen und Früchte zu verkaufen.“ Das Video ist eine Freude – gerade in Pandemiezeiten, in denen der Austausch über virtuelle Medien so wichtig geworden ist.

Drei Jahre – viele Erfolge
Vor der Begleitung durch ACICA konnte das Stück Land, das die Familie „El Tayal“ nennt, kaum bepflanzt werden, da es viel zu trocken war. Seit 2018 begleitet ACICA die Familie von Fany Crespín und weitere 540 Familien. Dank des Projektes haben sie viel erreicht: Sie bauten über 450 Wasserstaubecken unterschiedlicher Größe und unterschiedlichen Materials, die der Trinkwasserversorgung, als Tiertränken oder der Bewässerung der Gemüsegärten dienen. Hinzu kommen 469 Wasserfilter, die die Familien das ganze Jahr über mit sauberem Trinkwasser versorgen. In den Gemüsegärten installierten sie 250 Systeme zur Tröpfchenbewässerung. Die Bergbauernfamilien haben sich das Ziel gesetzt, bis Ende 2021 mit über 140.000 Setzlingen von Waldbäumen und 9.000 Obstbäumen aufzuforsten.
Die landwirtschaftlichen Berater*innen führten regelmäßige Feldschulen zu organischem Landbau, Tierhaltung und –gesundheit sowie Wasserhygiene durch. Auch Gemüse- und Grünfuttersaatgut wurde verteilt.

Eines der bewässerten Gemüsebeete von Fany Crespin (li.).

ACICA stellte der Familie von Fany Crespín Alarcón Teichfolie zur Verfügung. Von weiteren Familien unterstützt, bauten sie ein Wasserstaubecken und legten Schläuche zum Gemüsegarten und zu den Bäumen. Durch die Feldschulung lernte Fany Crespín, Avocados, Orangen, Zitronen und Chilis zu pflanzen sowie Kleegras zu säen. Nach drei Jahren ernteten sie jetzt die ersten Avocados und Zitrusfrüchte. Mit dem Kleegras füttert sie ihre Meerschweinchen, die in Peru als Delikatesse gelten. Auch ihre Ochsen für den Pflug kann sie nun ganzjährig mit eigenem Futter versorgen, ohne Futter hinzukaufen zu müssen.
Vor ihrer Teilnahme am Projekt migrierte Fany Crespín zeitweise an die Küste, um sich dort als Reinigungskraft und Küchenhilfe ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Heute ist sie begeistert davon, was sie als Familie aus dem trockenen Land gemacht haben.

Weiterführung und Ausweitung der Aktivitäten
Durch den Erfolg des Projektes wurden Nachbargemeinden aufmerksam. Sie hören und sehen, wie sich der landwirtschaftliche Ertrag der beteiligten Familien steigert, dass sie ohne chemischen Dünger auskommen und sogar Vieh für den Eigenkonsum und Verkauf halten können. Die Gemeindevertreter werden bei ACICA vorstellig und bitten um eine Aufnahme in das Projekt. Aufgrund dieser massiven Nachfrage möchte ACICA ab 2022 mit zwölf weiteren Gemeinden einen neuen Projektzyklus beginnen. Die erfolgreichen ernährungssicheren Gemeinden sollen weiterhin begleitet werden, um Weiterverarbeitung und gemeinschaftliche Vermarktung der Feldfrüchte zu erreichen. Hierfür werden Pilotprojekte in Verarbeitung und Verkauf von Tierfutter gestartet. Später, auf dieser Erfahrung aufbauend, kommen Milchprodukte dazu. So schaffen sich die Familien zusätzliches Einkommen.

Um die Aktivitäten in den neuen Gemeinden umzusetzen, benötigt ACICA eine Zwischenfinanzierung bis zu einem möglichen neuen Projekt mit dem BMZ. Ein Wasserreservoir für eine Familie kostet ca. 550 Euro, für mehrere Familien ca. 750 Euro, die Durchführung einer zweitägigen Feldschule kostet pro Gemeinde ca. 100 Euro, ein Feuerholz sparender Herd ca. 85 Euro.