Freiwillige Arbeit schenken

Ursprüngliches Ziel der Graswurzelbewegung Ekta Parishad ist es, auf kreative Weise bei der Durchsetzung von Landrechten zu helfen und Lebensperspektiven auf ehemaligem Ödland zu schaffen. Vermehrt muss die Bewegung Nothilfe leisten. Doch dabei will sie nicht bleiben.

Es ist ein Erfahrungswert: Wald, Land und Wasser werden erhalten, wenn Menschen sich in ihren Gemeinden zusammenschließen und ihr Land nachhaltig bewirtschaften. Das macht die Schulung und Ausbildung in Gemeinden zu einem Schlüssel für den Umgang z. B. mit Dürren. Ekta Parishad arbeitet seit vielen Jahren am Aufbau von dörflichen Selbstverwaltungsgruppen, um Ernährung und Lebensgrundlagen durch organischen Landbau sichern zu helfen.

Mehr über Ekta Parishad

Ekta Parishad bedeutet „Solidarischer Bund“. Den Prinzipien der Gewaltlosigkeit Gandhis entsprechend setzt sich die Bewegung für die Rechte der Landbevölkerung ein, von Tagelöhner*innen, Adhivasi und Tribals. Mittlerweile hat die Bewegung rund 250.000 aktive Mitglieder und gilt weltweit als eine der größten Volksbewegungen. Ekta Parishad fördert Gewaltfreiheit als Weg für politische und rechtliche Auseinandersetzungen, Dialog und konstruktive Maßnahmen zum Aufbau einer friedlichen und gerechten Gesellschaft. Heute arbeitet Ekta Parishad in 12.000 Dörfern Indiens.
Die Zukunftsstiftung Entwicklung kooperiert mit Ekta Parishad seit 2016.

1989 stieß Rajagopal Puthan Veetil den Aufbau der sozialen Basisbewegung Ekta Parishad an. Volkstümlich Raja Ji benannt, wurde er 1948 in einem Dorf im südindischen Kerala als viertes von fünf Kindern geboren. Sein Vater galt als Freiheitskämpfer für die indische Unabhängigkeit. Bereits seine frühkindliche Erziehung folgte der Philosophie Gandhis und stellte das Leben und Arbeiten in der Gemeinschaft in den Mittelpunkt. Nachdem Rajagopal klassischen Tanz und Musik studiert hatte, ging er 1969 in Gandhis Ashram in Sevagram und erwarb ein Diplom als Agraringenieur. Seitdem inspiriert er unzählige Menschen, sich für sozialen Wandel einzusetzen.

Ein Ansatz dabei ist Shramdan Camp – was so viel heißt wie “freiwillige Arbeit schenken”

Menschen kommen zusammen und schenken ihre Arbeitskraft in koordinierten Einsätzen, um gemeinschaftlich Lebensgrundlagen zu erhalten oder zu schaffen. Die Elemente, die notwendig sind, sind im Grunde einfach: Kaum genutztes Ödland in Händen des Staates; Menschen, die bereit sind, freiwillige Arbeit für ihre Gemeinde zu leisten; Menschen, die technisches Wissen haben und den Aufbau und den Unterhalt angepasster, einfach zu unterhaltender Technik anleiten können; saisonale oder permanente Flüsse; geringe Investitionen.  

In den letzten Jahren haben Mitarbeiter*innen von Ekta Parishad Gemeinden u. a. beim Bau von Staubecken, bei der Vertiefung von Dorfbrunnen oder der Einforderung von Ödland begleitet. Über Aktionen wie diese bringen die Mitarbeiter*innen Ekta Parishads die Gemeinden in Kontakt mit den lokalen Behörden. Die gemeinschaftliche Anstrengung lenkt die Aufmerksamkeit auf gesellschaftlich stigmatisierte Randgruppen und lässt deren Fähigkeiten zur Selbstorganisation in neuem Licht erscheinen. Das wirkt sich wiederum positiv auf die Kooperation mit den Behörden aus. Eine sich verstärkende lokale Entwicklungsspirale kann so in Gang kommen.

Auswege aus der Krise

Die Krisen der vergangenen Jahre und besonders die wirtschaftlichen Konsequenzen der Pandemie bis in das Jahr 2021 zwangen und zwingen Ekta Parishad vermehrt dazu, auch Nothilfe zu leisten. Sie wird mit Maßnahmen zur generellen und strukturellen Verbesserung des Lebens der Menschen vor Ort verbunden. Dabei greift Ekta Parishad auf den oben skizzierten Ansatz zurück: Neben der „klassischen“ Nothilfe lässt sich die Krise so nutzen, um für Gemeinden den Zugang zu Wasser langfristig zu verbessern und Entwicklungsschritte über die Krise hinaus anzulegen.
Zwischen März und Juli 2020 konnten rund 38.000 Menschen in 20 Staaten Indiens mit Nothilfemaßnahmen erreicht werden. Die Mitarbeiter*innen von Ekta Parishad und Freiwillige verteilten Lebensmittel an bedürftige Familien, wobei die eingeschränkte Mobilität, die Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln sowie die ständige Aufmerksamkeit und der Schutz der Mitarbeiter*innen besonders herausfordernd sind.

Ekta Parishad kombiniert auf Gemeindeebene Nothilfemaßnahmen auch mit Aktionen, die den Dorfbewohner*innen helfen, Einkommen zu sichern. So regt Ekta Parishad an, dass Arbeitsprogramme, die von der Regierung finanziert werden, die Dorfbewohner*innen anleiten, eigene Ressourcen nachhaltiger zu nutzen und zu schützen. Dies geschieht zum Beispiel durch den Aufbau von Wasserschutzstrukturen und Wasserspeicherbecken, mit deren Hilfe man landwirtschaftliche Anbauflächen erweitern und so zu einer besseren Versorgung und zur Sicherung von Einkommensmöglichkeiten beitragen kann.

Aufbau eines Wasserspeicherbeckens durch freiwillige Arbeit
Während der Coronakrise verteilte Ekta Parishad Lebensmittel, insbesondere an gestrandete Wanderarbeiter*innen

Eine der größten Volksbewegungen

Als Bewegung ist Ekta Parishad inzwischen so bekannt und attraktiv, dass auch junge Menschen aus der städtischen Mittelschicht freiwillige Arbeit bei Gemeindeeinsätzen leisten. In der durch das Kastensystem streng hierarchisch geprägten indischen Gesellschaft entstehen dadurch neue Kooperationsformen. Sie schaffen wechselseitiges Verständnis und neue Zugänge gesellschaftlicher Teilhabe für ausgegrenzte Gruppen.
Über den Einsatz der Organisation – nicht nur während der Pandemie – wird in den indischen Medien berichtet. Wie Ramesh Sharma, Koordinator bei Ekta Parishad, sehen kann, erweitert sich der Solidaritätskreis von Ekta Parishad stetig und jeden Tag kommen neue Mitglieder hinzu. Der Einfluss der Bewegung wächst.

Für die Nothilfemaßnahmen benötigt Ekta Parishad weiterhin Spenden. Ein Lebensmittelpaket für eine Familie für 14 Tage kostet rund 20 Euro; für Wasserinfrastrukturmaßnahmen in einem Dorf werden zwischen 800 und 1.000 Euro benötigt; 100 Dörfer sollen es werden. Die langfristige Unterstützung einer Gemeinde durch Baumaterialien und Lebensmittel kostet zwischen 3.500 und 7.000 Euro.