Frieden schaffen durch Begegnung

Das Maruge-Zentrum verfolgt das Ziel, Konflikte um Ressourcen zwischen kleinbäuerlichen und halbnomadisch lebenden Gemeinden zu überwinden und dauerhaft zu verhindern.

Kimani Maruge war wohl Kenias bekanntester Grundschüler: Mit 84 Jahren entschied er, das zu tun, was ihm bis dahin Zeit seines Lebens verwehrt war, nämlich die Grundschule zu besuchen, Lesen, Schreiben und Rechnen zu erlernen. Den Abschluss schaffte er erst in zwei Anläufen. Seine erste Schule musste er wegen eines gewaltsamen Konflikts zwischen zwei Volksgruppen verlassen und in einen anderen Landesteil in Kenia flüchten.

Mehr über YARD (Kenia)

Sebastian Maina Wambugu ist Leiter und Gründer von Youth Action for Rural Development (YARD). Selbst aus einer sehr armen Familie stammend, erarbeitete er sich mit viel Einsatz eine Bildungskarriere und unterstützt mit YARD ein Netzwerk von Bäuer*innen, die Waisen aus ihren Gemeinden als Pflegekinder angenommen haben. Ausgebildet ist er u.a. in nachhaltiger Landwirtschaft, er studierte Entwicklungsmanagement und hat auch ein Diplom als psychologischer Betreuer. Sebastian Maina Wambugu setzt sich dafür ein, dass die Menschen in den Gemeinden auch diese Selbstverwirklichung erreichen können. Er hat über 28 Jahre Erfahrung in gemeindebasierter Entwicklung.

Youth Action for Rural Development (YARD) ist eine gemeinnützige Organisation, die Sebstian Maina Wambugu mit seinen Mitstreiter*innen 1998 gründete. YARD ist seit Aufnahme der Zusammenarbeit im Jahr 2004 ein enger Partner der Zukunftsstiftung Entwicklung. Die Organisation befindet sich im Lower Gatanga Sub-County in Zentralkenia und trägt zur Verbesserung des Lebensstandards der Gemeinden in vier ländlichen Landkreisen bei. Sie richtet sich speziell an elternlose Kinder und Jugendliche sowie an ältere Menschen, meist Frauen, die sich um Waisen und von HIV/AIDS betroffene Kinder kümmern. Die Organisation fördert die Frauen auch auf Gebieten wie organischer Landbau, Saatgut-Erhalt, Energieeinsparung und Umweltrehabilitierung. Die Vision von YARD ist, ein Umfeld zu schaffen, in dem die Gemeindemitglieder – insbesondere junge Menschen – einen angemessenen Platz in der Gesellschaft finden und die Möglichkeit haben, ihre Talente und Stärken für die persönliche und gemeinschaftliche nachhaltige Entwicklung zu nutzen.

Sebastian Maina, Mitinitiator des Friedens-zentrums Maruge.

Heute ist Kimani Maruge Namensgeber für das Zentrum, das in Konflikten zwischen zwei angrenzenden Gemeinden vermittelt; zwischen den Massai, die in Kajiado leben, und den Kikuyu, die in Kiambu leben. Die Massai leben vorwiegend als Halbnomaden, von und mit ihrem Vieh. In der Region Kiambu sind die Kikuyu zumeist in der Landwirtschaft tätig. Zwischen den beiden Gemeinden kommt es immer wieder zu Konflikten. Gerade bei Dürren müssen die Massai mit ihren Viehherden auf der Suche nach Weiden oft weite Strecken wandern. Sie dringen dabei auch in die Gärten und Felder der umliegenden Kleinbäuer*innen ein und ihr Vieh zerstört Pflanzungen und Ernten. Die Kleinbäuer*innen setzen sich daraufhin – oftmals auch mit Gewalt – zur Wehr. Diese Konflikte hinterlassen Spuren der Verwüstung: Niedergebrannte Häuser, zerstörte Felder, getötete oder verstümmelte Tiere und manchmal auch Tote. Frauen und Kinder leiden hierbei am meisten. Diese Konflikte führen zu tiefen Gräben zwischen den Menschen.

Ziel des Maruge-Zentrums ist es, diese Konflikte zu überwinden. Die hier engagierten Menschen möchten zum Frieden in der Region beitragen. Sebastian Maina, Mitinitiator des Maruge-Zentrums, sagt dazu: „Ich möchte den Versuch unternehmen, durch Bildung für Kinder und Austausch zwischen Kindern und Kulturen einen Beitrag zum Frieden zu leisten. Die Gründung des Maruge-Zentrums an der Grenze zwischen diesen beiden Gemeinden ist von besonderer strategischer Bedeutung.“ Die Kinder beider Volksgruppen haben die Möglichkeit, wichtige Lebenskompetenzen zu erlernen. Sie erhalten Zugang zu medizinischer Grundversorgung, zu Schulmaterialien, Umweltbildung und Talentförderung. Zudem bekommen sie auch psychosoziale Unterstützung. Sie lernen gemeinsam und besuchen die Ansiedlungen und Dörfer der jeweils anderen Volksgruppe.

„Kinder haben ein reines Herz, in dem kein Hass, kein Konflikt und kein Stammesdenken herrscht“, ist Sebastian Maina überzeugt. Daher könnten sie eine entscheidende Rolle bei der Förderung und Schaffung von Frieden in der Region und in den Gemeinschaften einnehmen. Kinder könnten auch das gegenwärtige und zukünftige Denken über die ständig stattfindenden Konflikte verändern. „Sie haben die Möglichkeit, eine andere Sichtweise, beispielsweise über weibliche Genitalverstümmelung (FGM), Früh- und Zwangsehen, geschlechtsspezifische Gewalt und andere Missstände, die Kindern angetan werden, einzunehmen“, erklärt Sebastian Maina.

Kinder des Friedenszentrums Maruge beim gemeinsamen Tanz. Tanzen verbindet und schafft Gemeinsamkeiten.

Freundschaft jenseits ethnischer Grenzen 
Begegnung und Austausch bedeuten gemeinsames Lernen. Die Kinder erwerben Kompetenzen und Fähigkeiten im organischen Landbau. Sie füttern die Hühner des Zentrums, kümmern sich um die Ziegen, gießen die Pflanzen, beschneiden die Bäume, pflegen die Böden und verbinden sich so mit der Natur. An jedem Geburtstag pflanzen alle gemeinsam einen Baum. Rund um das Zentrum stehen inzwischen einige Geburtstagsbäume. Sebastian Maina: „Die Kinder kümmern sich selbst um die Bäume und die Blumen, und sie sehen, wie sie wachsen und gedeihen. Auch sie selber können sich hier frei entfalten, was die Wichtigkeit des Aufwachsens in einer gesunden und friedlichen Umgebung verdeutlicht.“

Sebastian Maina weiß, ganzheitliche Bildung und Begleitung bieten endlose Lernräume für Kinder, in denen sie sich jeden Tag aufs Neue entfalten können. Da die Kinder beider Gemeinden gemeinsam lernen, erfahren sie die Sichtweisen und Grundlagen der unterschiedlichen Lebensweisen. Im Friedenszentrum lernen die Kinder auch die jeweilige kulturelle Bedeutung der einzelnen Feldfrüchte, Tiere, Feierlichkeiten und Rituale kennen und tragen somit zu einer kulturellen Verbundenheit der Gemeinschaften und zur Anerkennung verschiedener Lebensweisen bei. Dieses Schaffen von Verbindungen ist die Grundlage für das friedliche Zusammenleben in der Region, es ermöglicht gegenseitiges Verständnis für die Kultur der anderen.

Das Friedenszentrum Maruge bietet Kindern verschiedener ethnischer Gruppen Raum für Austausch und praktisches Lernen.

Die Entscheidungsträger von morgen heute stärken

Die Kinder im Maruge-Zentrum sollen gestärkt werden. Wie wichtig dafür die Befriedigung der Grundbedürfnisse ist, weiß Sebastian Maina aus eigener Erfahrung. Essen, Kleidung, Bildung, Gesundheit wurden ihm sowie vielen anderen Menschen damals verwehrt. Dabei ist die Entfaltung des Potenzials erst möglich, wenn Kinder sich um diese Bedürfnisse nicht sorgen müssen. „Dies sind Grundrechte für jeden heranwachsenden Menschen, und es sollte in der Verantwortung der Erwachsenen liegen, für die zukünftige Generation zu sorgen und ihnen eine lebenswerte Umgebung in einer diversen Gesellschaft zu schaffen“, erklärt Sebastian Maina.

Darum wollen die Mitarbeiter*innen des Zentrums auch junge Frauen und Mädchen begleiten, die vor Zwangsheirat, weiblicher Genitalverstümmelung und geschlechtsspezifischer Gewalt fliehen müssen. In Gesprächen mit den Familien sollen individuelle Lösungen erarbeitet werden. Gleichzeitig erhalten die jungen Mädchen und Frauen die Möglichkeit, handwerkliche Kenntnisse zu erwerben und organischen Landbau zu erlernen.

Für die Anschaffung von Werkzeugen, Schulmaterialien und Geräten sowie für Gemeinschaftsbildung, Kompetenzförderung und Personalkosten sind 2022/2023 insgesamt rund 49.000 Euro notwendig. Etwa 19.000 Euro sind bereits aus Spenden finanziert. Wir benötigen nun noch 30.000 Euro für diese wichtige Arbeit.