Neue Perspektiven gegen Kinderarbeit

In Muraiyar, nahe Chennai im südindischen Tamil Nadu, befindet sich das Ausbildungszentrum unseres Projektpartners WARM. Schulabbrecher*innen und arbeitende Kinder haben hier die Chance, eine einjährige, praktisch orientierte Ausbildung zu absolvieren, die ihnen eine Grundlage für ein eigenständiges Leben bietet – als Schneider*in, Elektriker*in, Motorradmechaniker*in.

Kinderarbeit gehört in den ländlichen Regionen Indiens für Kinder und Jugendliche niedriger Kasten und Kastenlose noch immer zum Alltag. Dieses Ärgernis tritt infolge der Corona-Krise wieder verstärkt auf. Die informellen lokalen Arbeitsmärkte sind in den vergangenen Monaten zusammengebrochen. Aus armen Familien stammend müssen die Kinder aber Geld verdienen. Statt in die Schule zu gehen, arbeiten sie auf Teefeldern, auf Farmen oder in Haushalten von Landbesitzer*innen.

Mehr über WARM

Die Welfare Organization for the Rural Mass (WARM) wurde mit dem Ziel gegründet, die Lebensbedingungen der ländlichen Bevölkerung in den Dörfern rund um Thirvannamalai zu verbessern. Heute unterhält WARM in Tamil Nadu 13 informelle Lernzentren für arbeitende Kinder und Straßenkinder und bietet drei Ausbildungsgänge für Schulabbrecher*innen an. Zusätzlich unterhält WARM zwei Heime für Senior*innen und ein Kinderheim sowie eine organische Farm und einen kleinen Milchviehbetrieb. Seit 2001 fördert WARM zudem im Rahmen eines Mikrokreditprogramms Frauen aus ländlichen Regionen in ihrer Selbstständigkeit.

Die gemeinnützige Organisation Welfare Association for the Rural Mass (WARM) wurde 1983 gegründet. Der Gründer und erste Leiter der Organisation verstarb früh. Der heutige Geschäftsführer, K. Rajavelu, begann Ende der 90er Jahre für WARM zu arbeiten. Selbst als Kastenloser geboren, absolvierte er die Volksschule und lernte im Rahmen vieler Fortbildungen weiter. Als Kind war er selbst noch mit der rechtlosen Situation von Kastenlosen konfrontiert.  So musste er mit seinem Vater zu seinem „Besitzer“ gehen, um die Erlaubnis zu erhalten, die Schule zu besuchen. Mittlerweile setzt sich Herr Rajavelu mit WARM für die Verbesserung der rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen benachteiligter Gruppen in Tamil Nadu, Südindien, ein.

Drei Ausbildungsgänge

In dem Ausbildungszentrum von WARM bekommen Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren die Möglichkeit, eine Ausbildung zu absolvieren und so ihre späteren Berufs- und Verdienstmöglichkeiten zu verbessern und den Kreislauf der Armut zu durchbrechen. Viele sind Schulabbrecher*innen und/oder Kinderarbeiter*innen und Halb- oder Vollwaisen.

Die Jugendlichen haben die Wahl zwischen drei Ausbildungsgängen: Sanitär- und Elektroinstallation, Zweirad-Mechanik sowie Schneiderei und Stickerei.

Für die Förderung der drei Ausbildungsgänge werden pro Jahr rund 23.000 Euro benötigt.

Sanitär- und Elektroinstallation

Die ländlichen Gegenden Indiens entwickeln sich rasant zu semi-urbanen Zentren, weshalb die indische Regierung das Projekt „Rojgar Yojna“ ins Leben rief. Ziel ist es, innerhalb der nächsten zehn Jahre Wohnungen für alle zur Verfügung zu stellen. Und auch die regionale Regierung in Tamil Nadu hat es sich zum Ziel gemacht, Wohnungen für Menschen ohne Obdach in den ländlichen Gegenden zu bauen. Ausgebildete Kräfte zur Verkabelung der Neubauten und zum Einbau sanitärer Einrichtungen werden händeringend gesucht. Deshalb bietet WARM eine maßgeschneiderte Ausbildung für die Installation elektrischer und sanitärer Einrichtungen an. Bis Ende 2019 hat WARM bereits 140 Auszubildende geschult. Pro Jahr werden rund 10 weitere Jugendliche sowohl praktisch als auch theoretisch ausgebildet.
85 Prozent der Jugendlichen, die die Ausbildung abgeschlossen haben, haben mittlerweile ihr kleines eigenes Unternehmen gegründet, die Übrigen arbeiten in lokalen Unternehmen. Durchschnittlich verdienen Jugendlichen nach der einjährigen Ausbildung etwa 12.000 indische Rupien (rund 135 Euro) pro Monat.

Zweirad-Mechanik

Beinahe 75 Prozent der Menschen in Indien nutzen täglich Motorräder oder Roller, beispielsweise für den Weg zur Arbeit. Die Nutzung der Zweiräder steigt von Tag zu Tag und mit ihr auch der Bedarf und das Angebot an Werkstätten. WARM nutzt diesen Trend und bietet eine einjährige Ausbildung an. Sie umfasst einen theoretischen Teil, der im Ausbildungszentrum in Muraiyar abgehalten wird, und einen praktischen Teil, der in der Stadt Chengam stattfindet. In jedem Jahr werden zehn Jugendliche ausgebildet. Um den Berufseinstieg nach der Ausbildung zu erleichtern, hat WARM Beziehungen zu ortsansässigen Firmen aufgebaut.

Rund 80 Prozent der Absolvent*innen arbeiten in Werkstätten oder Zweirad-Firmen. Die Übrigen haben sich selbstständig gemacht und ihre eigene Werkstatt aufgebaut. Durchschnittlich verdienen sie etwa 15.000 indische Rupien pro Monat, also rund 170 Euro.

Schneiderei und Stickerei

In den ländlichen Regionen von Indien, wo noch immer überwiegend die Männer das Einkommen der Familien erwirtschaften, bietet WARM Mädchen und jungen Frauen die Möglichkeit, selbst Einkommen zu erzielen und so ihre Rolle in Familie und Gemeinschaft zu stärken. Junge Mädchen und Frauen sowie Witwen aus einkommensschwachen Familien nehmen an der einjährigen Ausbildung in Schneiderei und Stickerei teil. Jeweils sechs Monate lernen sie erst traditionelle Maschinen, dann Industriemaschinen kennen. So konnten bis jetzt bereits 585 Frauen und Mädchen ausgebildet werden, pro Jahr 45.

80 Prozent der Absolventinnen arbeiten in lokalen Kleidungsfirmen – die Übrigen konnten sich u.a. mithilfe des Mikrokreditprogramms von WARM selbstständig machen. Pro Monat verdienen sie zwischen 12.000 und 15.000 indische Rupien (136 bis 170 Euro).