Dringende Renovierungsarbeiten in der Favela Horizonte Azul

Slums in Brasilien entwickelten sich in den 80er Jahren jenseits jeder staatlichen Intervention. Heute ist es rechtlich bindend, etwa Gebäude mit sozialen Funktionen registrieren und begutachten zu lassen. Neue Auflagen führen zu starken Investitionszwängen.

Brasilien ist mit über 210 Millionen Menschen der bevölkerungsreichste und mit einer Gesamtfläche von 8.515.770 km² der größte Staat Lateinamerikas. In diesem eigentlich an natürlichen Ressourcen und menschlichen Talenten reichen Land ist es vor allem die soziale Ungleichheit, die dazu führt, dass sich die Lebenswelten der Brasilianer*innen stark voneinander unterscheiden.

Mehr über ACMA

Seit 1979 arbeitet der Verein Associação Comunitária Monte Azul (ACMA) mit Menschen, die in den Favelas von São Paulo leben. Heute werden mehr als 6.000 Familien in den drei Favelas Monte Azul, Peinha und Jardim Horizonte Azul erreicht. Grundlage für die vielseitigen sozialen, pädagogischen, kulturellen und Gesundheits-Programme sind Anthroposophie und Waldorfpädagogik. Im Fokus stehen die Wertschätzung jeden Individuums und seine ganzheitliche Entwicklung – unter Berücksichtigung geistiger, körperlicher, spiritueller und künstlerischer Dimensionen – sowie die Ermöglichung von aktiver Teilhabe an der Gestaltung der Gemeinschaft. In den vielseitigen Programmen sind neben 266 festen Mitarbeiter*innen auch über 80 inländische und ausländische freiwillige Helfer*innen tätig.

Gemeinsam mit Bewohner*innen der Favela Monte Azul gründete die Waldorfpädagogin Ute Craemer 1979 den Verein Associação Comunitária Monte Azul (ACMA). Ihr Ziel war, die Lebensbedingungen nachhaltig zu verbessern. Die Spielnachmittage für die Kinder aus der Favela, die Ute Craemer organisierte, erfreuten sich immer größeren Zulaufs. Schnell schlossen sich ihrer Initiative weitere Menschen an, die sich mit ihren Fähigkeiten und Ideen einbrachten und für Kinder, Jugendliche und ihre Familien Angebote machten, etwa im Bereich der Kunstvermittlung, des Theaters, des Tischlerhandwerks, der Geburtsvorbereitung oder der medizinischen Heilkunde.

Diese Ungleichheit manifestiert sich etwa in großen Einkommensunterschieden und im ungleichen Zugang zu öffentlicher Daseinsvorsorge in den Bereichen Gesundheit, Wasser- und Energieversorgung, Bildung. Ca. 80 % der Brasilianer*innen wohnen mittlerweile in Städten, darunter Großmetropolen wie São Paulo mit über 12 Millionen Einwohner*innen.

Ohne finanzielle Sicherheit und ohne eine gute Ausbildung bleibt vielen Menschen nur das Ansiedeln in einem Slum, in Brasilien Favela genannt. In diesen ungeplanten Vierteln gibt es keine Regulierung des Grundeigentums; sie liegen an den Rändern der Großstädte. Die Lebensbedingungen sind prekär. Oft mangelt es an Sanitäranlagen, Kanalisation, Wasser, Strom. In den kleinen Wohnungen leben oft drei Generationen auf engstem Raum. Da der Staat kaum präsent ist, wird „Ordnung“ hier oft von kriminellen Banden und Drogenkartellen aufgezwungen - auch mit Waffengewalt. In einer Favela leben zu müssen, festigt einen Teufelskreis aus Armut, Krankheit, schlechter Ausbildung, prekären Arbeitsverhältnissen, Hoffnungslosigkeit und Kriminalität.

Seit 1979 arbeitet der Verein Associação Comunitária Monte Azul (ACMA) in den Favelas von São Paulo. Heute (alle Bestandszahlen beziehen sich auf das Jahr 2021) erreicht der Verein mehr als 6.000 Familien in den drei Favelas Monte Azul, Peinha und Jardim Horizonte Azul.

Wegen der zahlreichen Sanierungsbedarfe ähnelt das Gebäude von ACMA derzeit einer Großbaustelle.

Einrichtungen und Programme in der Favela Horizonte Azul

1983 erwarb die Associação Comunitária Monte Azul einen kleinen Bauernhof in der Nähe des Guarapiranga-Staudamms, im Stadtviertel Jardim Horizonte Azul, wo sie nach Monte Azul und Peinha ihren dritten Standort gründete. Aktuell kommt die Arbeit von ACMA in diesem Viertel 500 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zugute, die - ohne diese Betreuung und Ausbildung - wohl ohne Schulabschluss und berufliche Perspektiven blieben.

Basierend auf den Prinzipien der Waldorfpädagogik beherbergt die Escola de Resiliência (Schule der Widerstandskraft) inmitten einer grünen Naturfläche zwei Kindergartengruppen für Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren sowie Grundschulklassen der Stufen 1 bis 5.

An den Nachmittagen können Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren im Programm Nossa Ciranda (Unser Reigen) in den Gebäuden und auf dem weiten Außengelände der Schule spielen. Pädagog*innen von ACMA bieten künstlerische, handwerkliche und sportliche Freizeitaktivitäten für 210 Kinder an.

Mithilfe des Programmes Tecendo o Futuro (Die Zukunft weben) werden 130 Jugendliche und Erwachsene in ihrem Berufsfindungsprozess begleitet. Sie können sich in unterschiedlichen praktischen Fähigkeiten erproben und Kurse in den Bereichen Schreinerei, Informatik und Verwaltung belegen.

Notwendige Renovierungsmaßnahmen

Anfang der 1980er Jahre, als ACMA die Gebäude für ihre Aktivitäten in Horizonte Azul errichtete, gab es für solche wilden Ansiedlungen weder die Möglichkeit noch die Pflicht der Grundstücksregistrierung bzw. der Einholung einer Baugenehmigung. Erst seit einigen Jahren ist die Stadtverwaltung bemüht, die zumeist ungeklärten Fragen zum Grundbesitz zu regulieren, den vorhandenen Baubestand zu erfassen und diesen zugleich einer technischen Überprüfung zu unterziehen. Mithilfe einer Verordnung gibt die Stadtverwaltung den Anwohner*innen der Favela die Möglichkeit, die von ihnen besiedelten und bebauten Flächen anerkennen zu lassen. Bedingung ist, dass im Gegenzug administrative, juristische und technische Auflagen erfüllt werden.

Für ACMA bedeutet dies, dass die gesamte von ihr genutzte Fläche von 1.170 m2 behördlich registriert und die Gebäude entsprechend der geltenden Bauvorschriften saniert werden müssen. Zahlreiche Behördengänge sind nötig. Es geht um Barrierefreiheit, die Beseitigung krebserregender Baustoffe, die Renovierung des Kunstraums in dem Dach, Boden und Wände von Termiten befallen sind und neue Regenwasserspeicher.

Sollte ACMA die Auflagen, die mit einer zeitlichen Frist versehen sind, nicht erfüllen, drohen hohe Bußgeldzahlungen und, im schlimmsten Fall, die Schließung der Einrichtung. Es fehlen rund 25.000 Euro.

 

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