Vorläufig ausgesetzt

Aufgrund der aktuellen Lage in Afghanistan ist die Weiterführung des Ausbildungszentrums ungewiss und das Projekt vorläufig ausgesetzt. Gerne können Sie aber für ein anderes Projekt aus dem Bereich Kleingewerbe und Mikrokredite spenden! Für mehr Informationen schauen Sie bitte

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Neue Einkommensquellen für Frauen in der Provinz

Weben und Knüpfen für eine bessere Zukunft – das Ausbildungszentrum A.L.S/NAZO in Nejrab schafft Ausbildungsmöglichkeiten für Frauen im ländlichen Afghanistan.

Nejrab, in der Provinz Kapiza, liegt etwa 120 Kilometer nordöstlich von Kabul. Die ersten 100 Kilometer Straße sind asphaltiert, danach geht es auf Schotterpisten in die Berge. In den fünf Tälern, die zu Nejrab gehören, leben rund 100.000 Menschen, vorwiegend Tadschik*innen, die Dari (Persisch) sprechen. Eine Minderheit gehört zu den Pashtun*innen, die Pashtu sprechen. Das Gebirge ist hoch (bis 4.570 Meter), die Gegend ist karg, die Bewohner*innen arm.

Mehr über NAZO

Auch auf Messen präsentieren sich die von A.L.S/NAZO ausgebildeten Teppichknüpferinnen mit ihrem Können. Hier Frau Shukria im Gespräch über Knüpfpläne mit Herrn Zarif vom (früheren) afghanischen Wirtschaftsministerium.

An diesem Ort hat unsere Partnerorganisation A.L.S/NAZO ein Ausbildungszentrum aufgebaut, das Frauen verschiedene Fortbildungsmöglichkeiten bietet. So gibt es ein Schneidereiprojekt und eine landwirtschaftliche Ausbildung. Im Dezember 2017 kam ein neuer Ausbildungszweig dazu, die Teppichherstellung (Weben und Knüpfen).

Die fünf besten Auszubildenden eines Jahrgangs erhalten die Möglichkeit, in der Produktionsabteilung zu arbeiten und weiter zu lernen. Mittlerweile ist die Produktionsabteilung eigenständig und fertigt Einzelstücke und Kleinserien von Teppichen in gehobener Qualität, um diese auf Basaren zu verkaufen. Damit die ehemaligen Auszubildenden, die nicht in der Produktionsabteilung arbeiten, nach der Ausbildung ebenfalls ein Einkommen erwerben können, erhalten sie in Kleingruppen von je Vieren Web- bzw. Knüpfrahmen, Wolle und Werkzeug. Sie werden regelmäßig von Ausbilder*innen besucht, um Probleme und Entwicklungsmöglichkeiten zu besprechen. Um ihre Fähigkeiten als selbstständige Weberinnen zu verbessern, erhalten sie Schulungen in den Bereichen Marketing, Buchführung und Preiskalkulation. Bis Februar 2021 wurden in dem Ausbildungszweig Teppichknüpfen siebzig Frauen ausgebildet. Zwanzig von ihnen arbeiteten nach ihrer Ausbildung in der Teppichwerkstatt, fünfzig arbeiten in Kleingruppen von zu Hause aus.

Neben berufspraktischem Wissen erfahren die Frauen und Mädchen im Ausbildungszentrum auch praktische Lebenshilfe. Die zusätzlichen Beratungsangebote wie Alphabetisierungskurse, Rechtskunde, Frauengesundheit und grundlegende Einnahmen-Ausgaben-Rechnung unterstützen sie dabei, mit persönlichen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen umzugehen. Die Kurse sind nicht nur für die Auszubildenden zugänglich, sondern für alle Frauen im Distrikt.

Achtung und Anerkennung

Da die Schülerinnen aus sehr armen Verhältnissen stammen, können es sich die Familien zumeist nicht leisten, die Frauen bzw. Mädchen täglich acht Stunden zum Lernen in eine Ausbildung zu schicken. Normalerweise nutzen sie diese Zeit, um im Haus zu arbeiten, zu betteln oder in reicheren Häusern zu putzen. Gerade junge Mädchen und Frauen werden oft als „lästige Esserinnen“ angesehen und deswegen in der Regel sehr früh verheiratet.

Wenn sie zu Hause nicht an den Mahlzeiten teilnehmen und sogar eine Ausbildungsbeihilfe (rund 25 Euro pro Monat) bekommen, gibt es bislang keinen Grund mehr, ihnen die Ausbildung zu verweigern. Wenn sie mit Hilfe ihres Berufes selbstständig Geld verdienen, erfahren sie in der Regel Achtung und Anerkennung in Familie und Gemeinschaft – und „haben dann bei allen Entscheidungen ein Wörtchen mitzureden“ (Zitat einer ehemaligen Auszubildenden).

Langfristig beeinflusst die im Ausbildungszentrum gewonnene Selbstständigkeit dieser Frauen das gesellschaftliche Leben in ihrem Umfeld und kann so zum Aufbau der Zivilgesellschaft beitragen. Wir hoffen, dass trotz der Machtübernahme durch die Taliban das Zentrum weitergeführt werden kann, da es sich lokale Anerkennung errungen hat.

Die Idee, für die Zeit nach der Ausbildung Werkstätten einzurichten, hat sich auch bei anderen A.L.S/NAZO-Ausbildungszentren in Kabul und Achmad Schah Baba Mina als tragfähig und umsetzbar erwiesen, ebenso bei den Schneiderwerkstätten in Kartenau, Kamari und Nejrab. Absolventinnen, die später mehr als 50 Euro im Monat verdienen, beteiligen sich dann mit 10 Prozent ihres Verdienstes an den Unterhaltskosten der Werk- und Ausbildungsstätten. So kann ein Großteil der Betriebskosten selbstständig bestritten werden.

Aktuelle Situation

Die Weiterführung des Ausbildungszentrums ist in der aktuellen Situation – der Machtergreifung durch die Taliban – ungewiss. Aus Sicherheitsgründen bleiben das Ausbildungszentrum und die Produktionsabteilung derzeit geschlossen. Die Lage der Frauen und ihre Möglichkeiten, einer Ausbildung nachzugehen, könnten in den kommenden Monaten und Jahren stark eingeschränkt werden. Gewiss ist jedoch, dass die Frauen auch ohne eine institutionalisierte Ausbildung Perspektiven für ihr Überleben brauchen.

Zwar finanziert das Ausbildungszentrum sich zu einem großen Teil durch die Verkäufe von Teppichen und Schneidereiprodukten sowie die Rückzahlungen ehemaliger Auszubildender selbst. Dennoch ist es weiterhin auf eine verhältnismäßig geringe Unterstützung angewiesen. Insbesondere der ständige Schutz des Zentrums durch Wachpersonal kostet Zeit und Geld. Für den regulären Betrieb - Miete, Verwaltungsangestellte, Nebenkosten - und für die Bewachung werden jährlich rund 12.000 Euro benötigt.

Gute Technik, Akribie und Konzentration sind beim Knüpfen nötig.